Wie passen ein Germanistik-Studium, Soaps und Heftchenromane zusammen? Bekenntnis einer Akademikerin

Ich gestehe – und traue mich fast nicht… Aber es muss ans Licht, denn oft genug habe ich mich schon gefragt, wie in aller Welt eine solch zwiespältige Vorliebe in meiner Person vereint sein kann? Wie also lautet mein heutiges Bekenntnis? So:

Entspannen kann ich beim Lesen am besten mit simplen Krimis oder Liebesromanen – und ich liebe Vorabendserien und Soaps, wenn ich zu müde für irgend etwas anderes bin. Deshalb feiere ich die Mediathek der Öffentlich-Rechtlichen, die all diese Schätze zu jeder Zeit mit einem Klick abrufbar bereithält.

Vom Arztroman zu Goethe, Schiller & Co.

Jetzt ist es raus. Oha. Eine Abiturientin, Germanistikstudentin mit Masterabschluss und PR-Fachjournalistin bekennt: Manchmal muss es simpel, vorhersehbar und zu 100 Prozent trivial sein, damit ich meine Akkus wieder aufladen kann. Ja. Ich habe tatsächlich Germanistik, Anglistik und Geschichtswissenschaft studiert, mache seit vielen Jahren PR und fuchse mich gerne in komplexe Themengebiete ein! Aber: Als Ausgleich zum Entspannen liebe ich simpel gestrickte TV-Serien mit übersichtlichen Dialogen, Soaps oder Krimis zum Lesen und gucken. Goethe, Schiller und Co. habe ich seit Schule und Studium freiwillig nicht mehr zur Hand genommen, und anspruchsvolle Literatur oder solche mit Mehrwert lese ich in der Regel nur, wenn ich am Wochenende oder im Urlaub genug Zeit dafür habe – oder es zu Fortbildungszwecken lesen will und muss.

 

Meine reine Freizeitlektüre am Abend allerdings ist in den seltensten Fällen hohe Literatur: Klar mag ich auch die Autor:innen der verwickelten, psychologischen Krimis, wunderbar erzählte Romane oder hochkomplexe Filme. Aber wenn ich so richtig abschalten muss, darf es bei mir nicht anspruchsvoller sein, als es eine Episode einer Vorabendserie ist – die Anspruchs-Skala tendiert also eher gegen, sagen wir wohlwollend, eins bis zwei auf meiner persönlichen Richer-Leseskala bis 10 – maximal!

Soaps und Serien – ich glotz TV!

Auch eine Schmonzette wie „Dirty Dancing“ schafft es bei mir immer wieder: Diesen Mega-Lovestory-Superkitsch-Herzschmerz-Romantik-Tanz-Film habe ich mir gerade kürzlich erst wieder als Wiederholung angesehen – und dies auch auf meinem Instagram-Kanal gestanden… 

Jahrelang habe ich alle Folgen von Dr. House hoch- und runter geguckt – ich liebe diesen misanthropischen, ekligen, egoistischen Charakter und die stets gleich ablaufenden Storys. Oder die immer gleichen Plots der James Bond-Filme – der siegende Held löst jedes Problem und stirbt nie. Ach ja – die Wiederholungen der Schimanski-Tatorte mit Götz George anlässlich des 50. „Tatort“-Geburtstags habe ich mir natürlich auch nicht entgehen lassen im letzten Jahr. Ich war süße 15, als Schimmi, Schmuddeljacke, und „Scheiße!“ im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Kult wurden – und natürlich habe ich die 1. Folge „Duisburg-Ruhrort“ von 1981 damals live gesehen!!!!!!! – hach!

 

Wenn ich mich – so wie jetzt in dieser endlos langen und reiselosen Corona-Zeit – entspannt in ferne Länder „beamen“ möchte, darf es sogar mal eine Traumschiff-Folge sein. Schon während ich dies tippe, habe ich die Titelmelodie im Ohr und die Karawane der Torten tragenden Kellner mit den Wunderkerzen vor Augen…

Ist der Ruf erst ruiniert, guckt es sich ganz ungeniert… 

Mittlerweile – ja ich gestehe auch das – habe ich sogar schon zwei fast vollständige Staffeln von „GNTM“, auch bekannt als Germany’s Next Top Model, und einige Folgen Bachelor und Bachelorette gesehen – und tatsächlich nicht alles abgrundtief furchtbar gefunden… Puh – ich glaube gar nicht, dass ich das jetzt hier schreibe – bin ich das wirklich??? Zu meiner Ehrenrettung und Entlastung kann ich in diesen beiden Fällen allerdings halbwegs guten Gewissens anführen, dass ich Mutter einer mittlerweile erwachsenen Tochter bin, die solche Sendungen wie fast alle Mädchen bis heute liebt. Als verantwortungsvolle Mama habe mich deshalb vor ein paar Jahren breitschlagen lassen und mich donnerstags öfter mal gemeinsam mit dem Kind vor den Fernseher gesetzt, um es dabei zu begleiten und alles entsprechend „pädagogisch“ einzuordnen. Doch überraschenderweise musste sie mich immer weniger dazu überreden – ich fand es amüsant, wollte die Zickereien und Dramen dann doch auch bis zum bitteren Ende mitverfolgen und genoss nebenbei die gemeinsame Zeit mit meiner Tochter und den Austausch über diese Art Fernsehunterhaltung. Ok – das kann man als Grund und Erklärung durchgehen lassen, oder nicht?!

Übrigens hat auch sie ihr Abi mittlerweile gut bestanden und studiert nun – diese Art Konsum hat also glücklicherweise keine negativen Auswirkungen auf ihre weitere Zukunft gehabt… Allerdings scheine ich ihr dieses eigenartige Serien- und Soap-Gen vererbt zu haben – denn wann immer sie chillen will, guckt sie… Netflix-Serien!

Der „Groschenroman“ – auch ein Bestandteil meiner Lesebiographie

Aber zurück zu mir – damit das bewegte Bild nicht zu viel Raum einnimmt, habe ich nämlich noch ein Geständnis für Sie: Schon als Kind und Jugendliche war ich eine absolute Leseratte. Da ich aber auf dem Land am Niederrhein groß geworden bin, gab es in meinem Dorf keine Buchhandlung – mein mickriges Taschengeld hätte ohnehin nicht zum Kaufen von Büchern gereicht – und nur eine kleine Kirchenbücherei. Hier konnte ich mir jeden Freitag immer nur drei (!) Kinderbücher ausleihen. Doch die hatte ich als Vielleserin meist schon am Wochenende ausgelesen. Und so habe ich den Rest der Woche verzweifelt nach weiterem Lesestoff gesucht – und gefunden! Meine Mama hat damals zur Entspannung nämlich viele dieser Heftchenromane gelesen, vorzugsweise Arzt-, Adels-, Heimat- und Liebesromane… Und ja – ich habe sie heimlich ebenfalls verschlungen, denn es war für mich in erster Linie kostenloser „Lesestoff“: einfach, unterhaltsam, vorhersehbar, mit ein bisschen Sex gespickt (mehr als in der BRAVO!) und mit Happy End. Meiner Mama habe ich das übrigens nie verraten – ob sie es je gemerkt hatte?

Mit den Groschenromanen ist es wie mit der BILD-Zeitung – niemand (außer mir!) gibt zu, dass er sie liest, aber sie generieren einen unglaublichen Umsatz… Vor einer Weile las ich einen Bericht über die Coras, Julias, Jerry Cottons und Perry Rhodans dieser Welt – und war wirklich überrascht, wie viele Milliarden Exemplare die einschlägigen Verlage bis heute noch immer davon absetzen!

Umsatzbringer Trivialliteratur

„Jede Woche erscheinen an die 100 neue Hefte mit standardmäßig 64 Seiten für 1,80 Euro aufwärts, dazu Neuauflagen und Sammelbände […]. Zwar gingen die Verkaufszahlen zurück, der Heftroman erweist sich aber nach wie vor als sehr profitabel und sei kaufmännisch betrachtet eine sichere Bank, wie Bastei Lübbe-Vorstandschef Thomas Schierack versichert. Der Verlag bringt allein wöchentlich 40 Titel in dem Bereich auf den Markt, die verkaufte Auflage liegt jährlich bei etwa 10 Mio. Exemplaren – und das bei minimalem Marketingaufwand. Die Gewinnspanne liegt trotz hoher Remissionsquoten sehr hoch. Neben Lübbe bespielen Verlage wie Kelter und Cora den Markt. Kelter hat 2016 etwa 45 Mio. Hefte ausgeliefert, Cora stößt 550 Romane im Jahr aus, die Auflage liegt bei 15 Mio.“ (Quelle Zitat: Buchreport 2017, abgerufen am 25.02.2021).

„Jerry Cotton“ erblickte übrigens 1954 das Licht der Heftchenromanwelt und soll in seinen Hochzeiten eine Auflage von 180 000 Exemplaren gehabt haben. Insofern haben meine Mama und ich diesen Trivialliteraturzweig kräftig unterstützt damals… Und mitunter liefert so ein Groschenroman auch heute noch die Vorlage für eine aktuell laufende und beliebte Vorabendserie – so geschehen mit „Der Bergdoktor“ – da schließt sich dieser Kreis also wieder.

Warum heißt der Heftchenroman auch Groschenroman?

Heftroman (auch Groschenroman oder Groschenheft genannt, im Englischen Dime Novel) bezeichnet eine Form der Trivialliteratur. Es handelt sich um Romane im Format DIN A5, die in preisgünstiger Heftform in hohen Auflagen veröffentlicht wurden und als billige Konsumware gedacht waren, dementsprechend wurden und werden sie zumeist im Zeitschriftenhandel angeboten.
Die Bezeichnung Groschenhefte und Groschenroman stammt aus einer Zeit, in der sie einen oder mehrere Groschen kosteten. (Quelle: Wikipedia)

Apropos schlechtes Gewissen

Wieso ist das eigentlich so – dass ich viele dieser Beispiele eigentlich total blöd, ja fast schon minderwertig finde, aber dennoch quasi süchtig danach bin? Dass ich mich dafür entschuldigen möchte, aber dabei am besten entspannen kann? Dass ich manche alten Filme, gestrickt nach „Karo einfach“, wie meine Oma immer zu sagen pflegte, auch heute noch als beruhigend und tröstend empfinde? Bringen sie die Erinnerungen an die eigene Kindheit und Jugend zurück? Helfen sie mir dabei, einen Gegenpol zu den sonstigen Verpflichtungen des fordernden Alltags zu setzen?

Und wieso geht das nicht mit anspruchsvollen Filmen, Dokumentationen, Serien oder Büchern? Falls Sie eine Erklärung für mich haben, freue ich mich über Ihre Hinweise und Kommentare!

 

 

Nicole Isermann

Nicole Isermann ist seit über 25 Jahren freie und fest angestellte Fachjournalistin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Sie arbeitet für Unternehmen, Vereine, Verbände, Agenturen oder Gründer. Der Blog PRojektText.com bietet alles rund um professionelle PR für KMU und das zielgruppengerechte Texten: on- wie offline.

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