GendernInterview

Fokus Kommunikation: 8 Fragen zum Gendern an Lektorin Kerstin Salvador

Wer wie ich mit dem Schreiben, Lesen, Korrigieren oder Lektorieren von Texten zu tun hat, muss sich mit dem Gendern auseinandersetzen.

Ich möchte wissen, wie andere Menschen aus meinem Netzwerk zum Gendern stehen und befrage dazu heute Kerstin Salvador.

Geboren 1970 in Brühl bei Köln, machte sie zunächst eine Lehre als Buchhändlerin und studierte dann Germanistik und Romanistik in Bonn. Mit Zwischenstopp in München und Rapallo, Italien, lebt sie seit 2003 in Berlin. Viele Jahre arbeitete sie als angestellte Produktmanagerin und Lektorin in Fachverlagen, bevor sie sich 2011 als freie Lektorin für Fachbücher, als Autorin von Lehrwerken für DaF und als Übersetzerin aus dem Italienischen selbstständig machte.

1. Für welche Art von Auftraggebende bzw. welche Branchen korrigierst und lektorierst du Texte hauptsächlich? 

Mein Schwerpunkt im Lektorat ist technisches Fachbuch. Bevor ich mich 2011 selbstständig gemacht habe, habe ich viele Jahre lang in verschiedenen Fachverlagen als Produktmanagerin und Lektorin den Programmbereich Erneuerbare Energien und Energietechnik betreut. Vor allem Photovoltaik. Auch heute lektoriere ich hauptsächlich Fach- und Sachbücher, zum Beispiel Lehrwerke für Elektro- oder Energietechnik, und übernehme für Verlage auch das externe Projektmanagement. Daneben lektoriere ich Fachbroschüren, Unterrichtsmaterialien, Jahres- und Geschäftsberichte, Unternehmenskommunikation, Werbematerialien und vieles mehr. Meine Auftraggeber*innen sind überwiegend Verlage, Stiftungen, Institutionen, Bildungsträger, Unternehmen und Werbeagenturen.

2. Musst du deine Auftraggebenden oft vom Gendern überzeugen oder sind sie durchaus bereit, ihre Texte durch dich gendern zu lassen? 

Bei den meisten Fachbüchern komme ich mit dem Gendern nicht in Berührung. Auch nicht bei Geschäftsberichten. Etwas anders sieht es bei Broschüren aus, die sich an ein breites Publikum richten. Hier bekomme ich oft klare Vorgaben von meinen Auftraggeber*innen, wie sie die Texte gegendert haben wollen. Einmal hat mich ein Bildungsträger explizit gebrieft, dass ich besonders Augenmerk auf Gendern, Diversivität und Inklusion richten soll. Kürzlich hatte ich allerdings den Fall, dass ich eine Fachbroschüre lektorieren sollte, die sich an Personen richtet, die Gastronomie betreiben. Diese war überhaupt nicht gegendert und sprach nur Gastronomen, Unternehmer und Restaurantbesitzer an. Hier ich habe die Auftraggeber davon überzeugen müssen, dass dies heute nicht mehr zeitgemäß sei und habe ihnen vorgeschlagen, dass ich die Broschüre lesbar und behutsam durchgendern würde.

3. Was sind beim Gendern für dich die drei größten Herausforderungen in der Umsetzung?

  • Die Verständlichkeit und Lesbarkeit der Texte zu gewährleisten,
  • eine Zielgruppe von Nicht-Muttersprachlern zu berücksichtigen und
  • passende genderneutrale Umschreibungen zu finden, die wirklich exakt der männlichen Bezeichnung entsprechen.

4. Wie schätzt du den zeitlichen Mehraufwand beim Gendern ein? Denn dabei muss man ja durchaus manchmal ein bisschen kreativ denken, damit es lesefreundlich bleibt … 

Ein umfangreiches Manuskript durchzugendern bedarf eines komplett eigenen Korrekturdurchlaufs, denn es kommt ja auch auf eine einheitliche Verwendung an. Da sind viele Suchdurchläufe nötig. Ich merke aber, dass nach einer gewissen Zeit der Einarbeitung und des Eindenkens in die Zielgruppe und in das Thema es dann doch ganz gut von der Hand geht. Dann fällt es mir deutlich leichter, kreativ zu sein und mir kommen schneller Ideen für passende genderneutrale Umschreibungen. Wenn ich dann mal drin bin, macht es mir auch Spaß.

Bei anderen Texten markiere ich nicht gegenderte Bezeichnungen beim Lesen oft farbig und bearbeite sie dann fokussiert im nächsten Durchgang.

5. Woran hast du dir zuletzt so richtig die Zähne ausgebissen und warum? 

Ganz aktuell stehe ich gerade vor einem kniffeligen Fall, für den ich jetzt eine Lösung finden muss. Es geht um die oben erwähnte Fachbroschüre für Gastronom*innen. Diese habe ich komplett durchgegendert und war sehr froh darüber, dass es mir gelungen ist, dabei keine Sonderzeichen wie Sternchen, Schrägstriche oder Ähnliches zu verwenden, damit der Text lesbar bleibt. Ich habe gute alternative Umschreibungen gefunden und war mit meiner Arbeit zufrieden. Nun hat der Autor das Manuskript zur Absegnung bekommen, der mich darauf hinweist, dass die Zielgruppe überwiegend nicht-deutsche Muttersprachler*innen seien, die Dönerbuden, Shisha-Bars, Imbisse und Spätis betreiben, und die die vielen Rechtsvorschriften und Hygieneregelungen beachten müssen. Wenn ich hier von einer „Lebensmittel kontrollierenden Person“ spreche statt dem Lebensmittelkontrolleur, einer „konsumierenden Person“ statt eines Verbrauchers und einer „Gastrononomie betreibenden Person“ statt des Gastronomen wird es für sie sehr schwer verständlich. Was also tun? Doppelnennungen, wenn der Begriff in jedem zweiten Satz vorkommt? Alles wieder zu entgendern kann auch nicht die Lösung sein. Hast du einen Tipp für mich?

6. Wie genderst du am liebsten und warum? Hältst du es einheitlich, genderst du mit oder ohne Sonderzeichen? 

Es kommt ein bisschen auf die Textart an. Bei meinen eigenen Texten lege ich großen Wert aufs Gendern, verwende gerne den Stern, variiere aber auch gerne mit Doppelnennungen und genderneutralen Umschreibungen.

7. Welche Erfahrungen machst du in deinem persönlichen Umfeld mit dem Gendern? Gibt es dort mehr oder weniger Zustimmung zum Gendern?

Ich bin eine klare Verfechterin des Genderns und die Inklusivität und Sichtbarkeit der Geschlechtervielfalt in der Sprache liegen mir sehr am Herzen. Bisher bin ich in meinem Umfeld überwiegend auf Zustimmung gestoßen oder zumindest auf keine massiven Gendergegner*innen. Anfeindungen oder dergleichen war ich bisher zum Glück noch nicht ausgesetzt. Der Autor, mit dem ich gerade zusammenarbeite, ist älteren Jahrgangs und lehnt das Gendern klar ab. Ich verstehe aber seine Argumentation der nicht-deutschen Zielgruppe. Hier versuche ich jetzt eine Lösung oder einen Kompromiss zu finden.

8. Du schreibst ja auch Lehrwerke für Deutsch als Fremdsprache. Wie gehst du hierbei mit dem Gendern um?

Auch in Sprachlehrwerken und besonders da finde ich Gendern extrem wichtig. Gerade für Lernende der deutschen Sprache ist es gut, wenn sie von Anfang an die männlichen und weiblichen Bezeichnungen lernen, aber auch dafür sensibilisiert werden, dass es auch andere Schreibweisen gibt, die alle Geschlechter gleichermaßen berücksichtigen. Ich greife im Bereich Landeskunde auch explizit das Thema Gendern im Deutschen, die Bedeutung, Formen und Diskussion dazu auf. Das ist super, das Bewusstsein für Geschlechtergerechtigkeit gleich im Sprachunterricht zu lernen.

Fotos: Mira Burgund

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Weitere spannende Einblicke zum Genderalltag eines queren Texters bietet mein Interview mit Oliver Jung-Kostick.

Elegant Gendern? Ich zeige dir, wie es geht

Wenn du auch eine Haltung für oder auch gegen das Gendern hast oder weitere gute Tipps und Beispiele zum Gendern kennst, freue ich mich auf deinen Kommentar hier unter meinem Blogbeitrag. Hier findest du alles rund ums Gendern.

Wenn du wie ich gerne möglichst lesbar und elegant gendern möchtest, habe ich ein PDF mit 7 guten Tipps für dich:

Her mit dem PDF zum eleganten, barrierefreien Gendern

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Nicole Isermann

Nicole Isermann steht für Text, Redaktion, Content und PR mit Herz und Haltung! Mit Einfühlungsvermögen verfasst und bearbeitet die Wahlbonnerin Texte, die ankommen, berühren und Mehrwert liefern - am liebsten für Soloselbstständige mit echtem Herzens-Business. Ihre Lieblingsthemen sind Essen & Trinken, Lesen & Schreiben, Reisen & Kultur, Natur & Umwelt oder Engagement & Lernen. In den kreativen Schreibfluss findet Nicole u. a. mit ihren kreativen Elfchen und Zelfchen. Wenn sie nicht schreibt, engagiert sie sich ehrenamtlich für Kultur-, Kirchen- und soziale Projekte.

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