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Fluch oder Segen? Wo das Fluchen besonders beliebt ist

Heute schon geschimpft, gemeckert oder geflucht? Kraftausdrücke helfen oft genug gegen Stress. Denn Schimpfen ist gesund. Die Linguistin Kate Burridge erklärt es so: „Schimpfwörter sind sozial und emotional unersetzliche, entscheidende Bestandteile unseres sprachlichen Repertoires, die uns helfen, Stress zu verringern, Schmerz zu bewältigen, Kraft und Ausdauer zu vergrößern.“

Kürzlich las ich in der Zeitung, dass das Fluchen besonders in jenen Städten verbreitet ist, zu denen ich einen besonderen Bezug habe. Zufall?

Er – sie – es flucht!

Menschen in Dresden tun es, Bonnerinnen und Bonner auch. Und Kölner*innen. Und auch die Menschen, die in Bielefeld am Teutoburger Wald leben. Er – sie – es … flucht. Und zwar in diesen vorgenannten Städten in genau dieser Reihenfolge besonders häufig, deftig und gerne. Das zumindest belegt eine Studie der Online-Sprachlern-Plattform Preply. Die Umfrage ergab, dass ein durchschnittlicher Bundesbürger (m/w/d) 9,5 Mal pro Tag flucht – in den genannten vier Städten ist es deutlich mehr.

Platz 1: Dresden flucht 18 Mal pro Tag

Merke: Im Osten von Deutschland wird mit durchschnittlich 18 Mal pro Tag am häufigsten geflucht. Zum Glück habe ich bei meinem ersten Besuch im schönen Dresden im September 2022 nichts davon mitbekommen … Dort sind mir ausnahmslos nette und ganz und gar unfluchende Menschen begegnet. Verflucht nochmal! Ich habe also keinen Beleg dafür. Was kein Wunder ist, denn dort flucht es sich laut Preplay am liebsten zuhause in den eigenen vier Wänden. Interessant!

So oft fluchen Deutsche in den großen Städten. Screenshot: Preplay

Platz 2: Bonn schafft 14 Flüche täglich

Bonn steht auf Platz 2 der deutschen Fluch-Städte-Skala. Soll ich jetzt verraten, dass auch ich schon seit über 25 Jahren hier lebe?! Hm, wie halte ich es da mit dem Fluchen? Ich doch nicht, ich bin schließlich die, die Texte mit Herz und Haltung schreibt. Die mit schönen Worten und Wörtern jongliert … Genau!

Die Wahrheit ist: Vor allem beim Fahrrad- und Autofahren fluche ich wie ein Rohrspatz, Kesselflicker oder Bierkutscher. Echt jetzt? Jaaaa, da kann ich einfach nicht an mich halten.

Ich befinde mich da übrigens in bester Gesellschaft: Besucher*innen einer Ausstellung in Berlin nennen folgende Top-3-Situationen: „Im Straßenverkehr“ ist auf Platz eins. Es folgt „Auf dem vollen Bahnsteig, wenn die Wagenreihung geändert wird.“ und auf Platz drei „Beim  Zusammenbau eines Ikea-Regals“.

Und die Reply-Studie weiß, dass 32,5 Prozent aller Deutschen hinter dem Steuer oder als Beifahrer*innen fluchen. Besonders bemerkenswert ist, dass Männer in der Regel zwar mehr Schimpfwörter benutzen als Frauen, diese als Autofahrerinnen aber deutlich mehr Schimpfwörter verwenden als Autofahrer: 37,9 Prozent geben zu, dass sie am häufigsten hinter dem Steuer fluchen, während es bei den Männern nur 18,5 Prozent sind. Ok, da scheint das y-Chromosom irgendwie beteiligt zu sein …

Ansonsten hilft mir im Alltag die „neue“ Altersmilde, um in den meisten Fällen relative Ruhe zu bewahren. Das Älterwerden hat auch sein Gutes …

Schon gewusst? Die Redewendung „Fluchen wie ein Rohrspatz“ geht auf einen kleinen Vogel zurück, der im Schilf, also im Rohr, sitzt und lautes „Geschrei“ von sich gibt. Es handelt sich dabei allerdings nicht um einen Spatz, sondern um einen Drosselrohrsänger oder eine Rohrammer.

WDR

Platz 3: Köln liegt bei 12 Schimpftiraden am Tag

Unweit von Bonn, nur ein paar Kilometer den Rhein entlang, geht es mit Köln auf Platz 3 weiter. Ehrlich? In der Stadt, in der Bützje, Kamelle und Kasalla zuhause sind? Da soll es deftig zugehen? Ganz genau! Denn der Name Kasalla steht nicht nur für die bekannte Kölsch-Rockband, sondern hat auch einen ernsten Hintergrund, der mit dem Fluchen eng verwandt ist:

Das Wort „Kasalla“ ist eine rheinische Bezeichnung für „Ärger“ oder „Krawall“. Die Redewendung „Et jitt Kasalla!“ kann schon fast als Prügel-Androhung verstanden werden. Das hat einen eher ernsten Hintergrund: Als früher Schülerinnen und Schüler für Fehlverhalten im Unterricht noch mit Prügel bestraft wurden, mussten sie sich über die Schulbänke lehnen, die meist von der Firma Casala hergestellt wurden. So hatten sie den Firmen-Schriftzug immer vor Augen, wenn ihnen der Hintern versohlt wurde ‒ daraus hat sich in Köln über die Jahre die bekannte Redewendung entwickelt.

24Rhein.de

Platz 4: In Bielefeld motzt man 11 Mal

Auf Platz 4 des deutschen Fluch-Index‘ steht mit Bielefeld eine Stadt, die vor Bonn meine erste Wahlheimat war. Hier habe ich Germanistik und Geschichte studiert und vermutlich meine Fluch-Leidenschaft mit dem Mensaessen auf dem Unicampus aufgenommen, ohne es zu merken …

So richtig subtil geht der Ostwestfale da vor, infiltrieren das kleine, unschuldige Mädchen vom Niederrhein, das es nicht besser weiß und sich mutig zum ersten Mal in seinem Leben in die Großstadt traut. Und deshalb sprudeln ihm jetzt als Erwachsene beim Autofahren dauernd unflätige Begriffe aus dem Mund, die sich einfach nicht zurückhalten lassen wollen.

Was meine Lieblings-Flüche sind, möchtest du wissen? Die Fluchende genießt – und schweigt.

Der Fluch-Generator

Wenn du dir jetzt einen ganz individuellen Fluch wünschst, empfehle ich dir den Fluch-Generator des Museums für Kommunikation in Berlin, der im Rahmen der leider abgelaufenen Ausstellung Potz! Blitz! entstand. Doch Geduld, fluchen ist ganz und gar unnötig: Diese Ausstellung wird in 2024 in Nürnberg gezeigt, du

kolossalspießiger Würstchen-Visionär!

Fluch-Generator

Dieser Beitrag ist Nr. 2 der Blogdekade von The Content Society, meiner wunderbaren Blog-Gemeinschaft von und mit Judith Peters. Hier geht es zu Beitrag Nr. 1 – meiner Sommermomente-Liste für 2023.

Nicole Isermann

Nicole Isermann steht für Text, Redaktion, Content und PR mit Herz und Haltung! Mit Einfühlungsvermögen verfasst und bearbeitet die Wahlbonnerin Texte, die ankommen, berühren und Mehrwert liefern - am liebsten für Soloselbstständige mit echtem Herzens-Business. Ihre Lieblingsthemen sind Essen & Trinken, Lesen & Schreiben, Reisen & Kultur, Natur & Umwelt oder Engagement & Lernen. In den kreativen Schreibfluss findet Nicole u. a. mit ihren kreativen Elfchen und Zelfchen. Wenn sie nicht schreibt, engagiert sie sich ehrenamtlich für Kultur-, Kirchen- und soziale Projekte.

12 Gedanken zu „Fluch oder Segen? Wo das Fluchen besonders beliebt ist

    • Dear Christine,
      I’m happy you like that generator, too – it creates lovely swear words.
      You’re welcome! 😊

      Antwort
  • Ein köstlicher Beitrag liebe Nicole. Ich fluche tatsächlich eher selten. Und so gut wie nie im Straßenverkehr (vermutlich bin ich eher der Anlass fürs Fluchen:-) ). Zur Psychohygiene finde ich es aber ein sehr gutes Mittel.
    Herzliche Grüße, Korina

    Antwort
    • Oh, das ist dann tatsächlich mal etwas, das wir 2 nicht gemeinsam haben 🙂 Sehr lustig – wie kannst du im Verkehr so ruhig bleiben? Wann und wo genau gehst du denn deiner Psychohygiene nach?
      Liebe Grüße von
      Nicole

      Antwort
  • Sehr sehr cool. Habe den Fluchgenerator ausprobiert – großartig. Kann ich glatt in meine Coachings einbauen :-)… Ich bin aus Leipzig und fluche am häufigsten im Straßenverkehr und am zweithäufigsten vor Therapiesitzungen, wo ich weiß, dass es hart wird, weil hochstrittige Eltern. Nach dem Fluchen bin ich bereit ihnen wieder unvoreingenommen zu begegnen. Also Fluchen als Psychohygiene.

    Antwort
    • Fluchen als Psychohygiene ist doch klasse und viel besser, als wenn man sein Gegenüber direkt anschreit/beleidigt 🙂 Und ich glaube die allermeisten Menschen fluchen im Straßenverkehr … Weiter viel Spaß mit dem Fluch-Generator!

      Antwort
  • HERRLICH! Der ganze Artikel im allgemeinen und der Fluchgenerator im Besonderen. Dumpfbiesitger Billigbroiler wandert direkt in mein Fluchrepertoir!

    Außerdem war ich überrascht, dass die angeblich so unfreundliche Berliner Schnauze der Hauptstadt doch deutlich hinter dem scheinbar liebenswürdigen Köln gelandet ist. Hätte ich andersrum vermutet. Auch aus persönlicher Erfahrung, der Umzug von Köln nach Berlin war menschlich eine ziemliche Herausforderung…

    Antwort
    • Ja, als ich die 4 Erstplatzierten Städte sah, habe ich mich auch ziemlich gewundert … Du hast dich aber mittlerweile gut assimiliert in Berlin, oder? Was sagt eigentlich NLP zum Fluchen? Der Fluch-Generator ist der Knaller, finde ich auch! Schon spannend, was man durch das Lesen einer Meldung so alles erfährt. 😊 Echte News-Nuggets grabe ich da aus. Schön, dass es dir auch Spaß macht. 😂

      Antwort
  • Von Satzgeneratoren bin ich als Linguistin sowieso angefixt – der Fluchgenerator ist ein wunderbarer Tipp, danke liebe Nicole! Als Atemtherapeutin sage ich: Fluchen kann auch beruhigen bzw. einen regulierenden Einfluss aufs vegetative Nervensystem nehmen, da es so kraftvoll ausatembetont ist.

    Antwort
    • Ah, das ist ja noch ein grund, warum ich beruhigt weiterfkuchen kann, ganz besonders laut und kraftvoll werde ich das beim nächsten Mal tun! Danke für den Hinweis.
      Lieben Gruß
      Nicole

      Antwort
  • Herrlich! Ich werde künftig genauer drauf achten, wann und wo ich fluche. Im Schwabenland, meiner Wahlheimat wird man gern mal als „Grasdackel“ beschimpft, was in bestimmten Situationen dann auch zum fluchen passt.

    Antwort
    • Grasdackel mag ich! Fluchst du in Gesellschaft oder privat, das kannst du ja dann mal berichten. 😊

      Antwort

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