Deutsche SpracheRezension

Vaterland oder Muttersprache? Wenn Heimat in den Worten steckt

Seit dem 3. September läuft „Vaterland“ von Paweł Pawlikowski im Kino – ein Film über Thomas Mann, Identitätsverlust, Entfremdung, Heimkehr und die schwierige Frage, wann ein Land noch Heimat ist. Mich hat der Film zu einer anderen Frage gebracht: Warum heißt es eigentlich Vaterland, aber Muttersprache? Und was erzählen diese beiden Wörter über Heimat, Identität und Zugehörigkeit?

Manchmal geht man aus einem Film und hat nicht sofort eine Meinung dazu. Sondern ein Gefühl.

So ging es mir mit „Vaterland“. Ich hatte einen Film über Thomas Mann erwartet. Über Exil, Nachkriegsdeutschland, Politik. Bekommen habe ich ein szenisches Roadmovie über Heimat. Und darüber, wie kompliziert es werden kann, wenn man an einen Ort zurückkehrt, der einmal Zuhause war – und es plötzlich nicht mehr ist.


Heimkommen und fremd sein

Thomas Mann kehrt 1949 nach Deutschland zurück. Sechzehn Jahre, nachdem er das Land verlassen hat. Er war vor den Nationalsozialisten ins Exil geflüchtet, zunächst in die Schweiz, später in die USA. Nun fährt er durch ein zerstörtes, geteiltes Deutschland voller Ruinen: von Frankfurt bis Weimar, vom amerikanisch besetzten Westen in die sowjetisch kontrollierte Zone.

Und da sitzt er nun. Im Auto. In diesem Land, das seines ist und gleichzeitig auch nicht mehr. Das ihn einerseits feiert und andererseits als Verräter beschimpft. Vielleicht ist genau das der stärkste Konflikt des Films: Wie kann man einen Ort lieben, der einem wehgetan hat? Immenoch wehtut?

Der Zauberer: Literatur-Nobelpreisträger Thomas Mann (Hanns Zischler) unternimmt eine Reise in die tief verwundete deutsche Seele. © Agata Grzybowska


Thomas Mann hat Deutschland verlassen. Und kommt zurück. Aber was bedeutet „zurück“ eigentlich? Zurück zu den Straßen, den Häusern, der Sprache, den Erinnerungen? Oder zurück zu einer Vorstellung von Heimat, die es so gar nicht mehr gibt?

Pawlikowski erzählt diese Rückkehr nicht als große Heimkehr mit offenen Armen. Kein „Endlich wieder da“. Stattdessen fährt ein schwarzer Buick durch ein Land voller Ruinen. Die Landschaft ist Deutschland – und wirkt doch fremd.


Die dramaturgische Figur Erika Mann – Beobachterin, Vertraute, Kritikerin

Eine kleine historische Ungenauigkeit – oder besser: eine bewusste filmische Freiheit – fällt dabei besonders auf. Im Film reist Thomas Mann mit seiner Tochter Erika durch Deutschland. In Wirklichkeit war es seine Frau Katia, die ihn 1949 auf dieser Reise begleitete. Erika war nicht dabei – sie boykottierte den Besuch bewusst und nahm ihre Eltern erst später wieder in Empfang.

Pawlikowski weiß das natürlich. Er hat die historische Konstellation bewusst verändert. Im Interview sagt er ganz offen: Erika sei für ihn dramaturgisch die interessantere Figur gewesen. Sie habe sich im Zwiespalt zwischen ihrem Bruder Klaus, mit dem sie eine enge, fast symbiotische Beziehung hatte, und ihrem Vater befunden.

Und plötzlich bekommt die Reise eine ganz andere emotionale Ebene. Erika ist im Film nicht einfach die Tochter, die ihren berühmten Vater begleitet. Sie ist Beobachterin, Vertraute, Kritikerin – und trägt ihre eigene Geschichte mit sich herum. Während Thomas Mann versucht, mit diesem Deutschland ins Gespräch zu kommen, hält Erika ihm immer wieder einen Spiegel vor. Das ist keine historische Dokumentation. Es ist eine filmische Verdichtung. Und gerade deshalb funktioniert es.

Auf der anderen Seite: Thomas (Hanns Zischler) und Erika Mann (Sandra Hüller) trennt mehr als nur ein Grenzübergang. © Neue Visionen Filmverleih


Denn Pawlikowski nimmt sich noch eine weitere Freiheit: Klaus Manns Suizid wird im Film zeitlich in die Deutschlandreise hineinverlegt. Historisch hatte Klaus sich bereits rund zwei Monate zuvor, im Mai 1949 in Cannes, das Leben genommen – die Nachricht traf seine Eltern also schon vor dem Aufbruch nach Deutschland. Im Film dagegen erreicht sie Vater und Tochter erst während ihres Aufenthalts in Frankfurt. Der Regisseur bringt diese Ereignisse bewusst zusammen, um die familiäre Tragödie unmittelbar mit Thomas Manns Rückkehr nach Deutschland zu verknüpfen. Das ist historisch falsch. Aber emotional erstaunlich wahr.

Und vielleicht ist genau das die Freiheit, die sich Kunst manchmal nehmen darf.


Wenn sich Heimkehr nicht wie Heimkommen anfühlt

Denn plötzlich geht es nicht mehr nur um Deutschland. Es geht um Familie. Um Schuld. Um Verlust. Um die Frage, wie viel Heimat man verlieren kann, ohne sich selbst zu verlieren.

Vielleicht ist das überhaupt das Schwierige an Heimat: Wir tun oft so, als könnten wir sie auf einer Landkarte markieren. Hier. Da bin ich zu Hause. Aber Heimat ist doch viel mehr als eine geografische Koordinate. Heimat kann ein Geruch sein. Ein Geräusch. Ein bestimmtes Gericht. Ein Satz, den nur Menschen verstehen, die mit denselben Redewendungen groß geworden sind. Oder ein einziges Wort.

Und damit sind wir bereits bei der Sprache. Denn während Thomas Mann durch sein ehemaliges Vaterland fährt, hat er etwas dabei, das ihm niemand nehmen konnte: seine Sprache.


Warum heißt es eigentlich „Vaterland“?

Ich liebe solche Fragen, bei denen ein einziges Wort plötzlich eine ganze Geschichte beinhaltet.

Das deutsche Wort „Vaterland“ ist im Kern eine Lehnübersetzung des lateinischen „patria“. Bereits gegen Ende des 11. Jahrhunderts taucht die mittelhochdeutsche Form „vaterlant“ auf – ursprünglich mit der eher nüchternen Bedeutung „väterliches Grundstück“. Erst im Humanismus bekam das Wort seine heutige, weitreichendere Bedeutung von Heimat und Nation.

Das Entscheidende daran: Im Wort steckt von Anfang an eine Vorstellung von Herkunft, Abstammung und Zugehörigkeit – über den Vater, der das Land vererbt. Das Land bekommt also einen väterlichen Bezug. Vaterland.


Warum heißt unsere erste Sprache „Muttersprache“?

Muttersprache. Was für ein schönes und gleichzeitig erstaunlich körperliches Wort!

Es bezeichnet die erste Sprache, die ein Kind erlernt – traditionell also die Sprache der Mutter beziehungsweise der Familie. Auch dieses Wort ist eine Lehnübersetzung: aus dem mittellateinischen „lingua materna“, der „Sprache der Mutter“.

Interessant dabei: Im klassischen Latein gab es ursprünglich sogar den Gegenbegriff „sermo patrius“ – die „väterliche Sprache“ – der aber schon im Mittelalter zunehmend durch „lingua materna“ verdrängt wurde, um die im Alltag erlernte Volkssprache vom gelehrten Latein abzugrenzen. Denn Männer lernten in einzelnen Fällen, wenn sie zum Beispiel Priester wurden, Latein. Frauen jedoch erhielten nie irgendeine Schulbildung. Deshalb standen sie stellvertretend für die Bevölkerung, die kein Latein konnte und sich nur in der Umgangssprache, also der Muttersprache, verständigte.

Und plötzlich stehen da zwei Wörter nebeneinander: Vaterland. Muttersprache. Das Land bekommt den Vater. Die Sprache die Mutter.

Zufall ist das nur auf den ersten Blick. Sprachhistoriker ordnen beide Begriffe sogar derselben Entlehnungswelle zu: Sie kamen in der frühen Neuzeit nahezu zeitgleich über das Französische („patrie“ und „langue maternelle“) ins Deutsche – als eingespieltes Begriffspaar, nicht als Zufallsprodukt zweier getrennter Traditionen. Das macht das Bild, das die beiden Wörter zeichnen noch stärker.

Vom Außen ins Innen dank der Sprache

Denn vielleicht erzählen sie von zwei ganz unterschiedlichen Arten von Zugehörigkeit. Das Vaterland ist das Außen. Die Muttersprache ist das Innen. Das eine ist geografisch, das andere körperlich. Das eine kann Grenzen haben und verloren gehen. Die Muttersprache hat Wörter – die gehen nicht verloren, wenn man sie festhalten will.

Vielleicht liegt genau darin eine der leisen Schönheiten dieses Films. Thomas Mann kehrt in ein Deutschland zurück, das er wiedererkennt und gleichzeitig auch nicht. Er ist Nobelpreisträger, berühmter Schriftsteller, gefeierter Gast – und trotzdem bleibt da diese Fremdheit. Das Land hat sich verändert. Er selbst hat sich verändert. Und seine Beziehung zu diesem Land ebenfalls. Doch seine Sprache ist ihm geblieben.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Exil so viel mit Sprache zu tun hat. Denn wer seine Heimat verlässt, verliert nicht automatisch die Sprache. Aber Sprache verändert sich. Sie bekommt Abstand. Sie bekommt Erinnerungen. Sie kann plötzlich zum letzten Stück Zuhause werden. Vielleicht ist eine Muttersprache deshalb manchmal viel mehr Heimat als ein Land, eine Stadt, ein Ort. Und vielleicht kann ein Land gleichzeitig Vaterland und Fremdland sein.


Vaterland. Muttersprache – zwei Wörter, ein Konflikt?

Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger wirken diese beiden Wörter wie Gegner. Vaterland steht für das Land, die Herkunft, die Zugehörigkeit. Muttersprache für das, was wir in uns tragen. Das eine ist außen, das andere innen. Das eine kann sich verändern, Grenzen können sich verschieben, politische Systeme können zusammenbrechen, Häuser können zerstört werden. Das andere begleitet uns.

Und vielleicht erklärt genau das einen Teil des Gefühls, das „Vaterland“ bei mir hinterlassen hat: Heimat ist nicht unbedingt dort, wo man herkommt. Heimat kann dort sein, wo man verstanden wird. Vielleicht sogar dort, wo die eigenen Worte noch funktionieren.

Thomas Mann fährt 1949 durch Deutschland. Durch ein Land, das ihm seine Zugehörigkeit nicht mehr einfach zurückgeben kann. Aber seine Sprache fährt mit.

Und vielleicht ist das die eigentliche Botschaft: Man kann aus einem Vaterland auswandern. Aber aus seiner Sprache wandert man nicht so leicht aus.

Was für ein Glück für Menschen wie mich, die beruflich mit Worten, mit Sprache arbeiten: Denn fast immer sind Worte eben nicht nur Worte. Manchmal sind sie ein kleines Stück Heimat. ZUnd wollen wohl gewählt sein.

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Dieser Text ist mit Hilfe von KI entstanden – die Gedanken sind komplett meine. Die Bilder und Bildunterschriften stammen aus dem Pressekit des Filmverleihs.


PR-Fachjournalistin Nicole Isermann im Sitzen schreibend mit Laptop auf den Knien.

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Nicole Isermann

Nicole Isermann steht für Text, Redaktion, Content und PR mit Herz und Haltung! Mit Einfühlungsvermögen verfasst und bearbeitet die Wahlbonnerin Texte, die ankommen, berühren und Mehrwert liefern - am liebsten für Soloselbstständige mit echtem Herzens-Business. Ihre Lieblingsthemen sind Essen & Trinken, Lesen & Schreiben, Reisen & Kultur, Natur & Umwelt oder Engagement & Lernen. In den kreativen Schreibfluss findet Nicole u. a. mit ihren kreativen Elfchen und Zelfchen. Wenn sie nicht schreibt, engagiert sie sich ehrenamtlich für Kultur-, Kirchen- und soziale Projekte.

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